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TitleEvola Mann Und Frau
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Julius Evola

Mann und Frau





Um diese Betrachtungen über das traditionale Leben zu vervollständigen, wollen wir kurz
auf die Welt des Sexus eingehen.

Auch hier gibt es in der traditionalen Auffassung Entsprechungen zwischen Wirklichkeiten
und Symbolen, zwischen Handlungen und Riten; Entsprechungen, von denen die Prinzipi-
en für das Verständnis der Geschlechter und für die Beziehungen abgeleitet sind, die in
jeder normalen Kultur zwischen Mann und Frau entstehen müssen.

In der traditionalen Symbolik wurde das übernatürliche Prinzip als «männlich» aufgefaßt,
wohingegen die Natur und das Werden als «weiblich» galten. In der hellenistischen Be-
griffswelt ist männlich das «Eine», το εν, das «in sich selbst ist», vollständig und sich
genügend; weiblich ist die Zweiheit, das Prinzip des Verschiedenen und des «Anderen als
es selbst», folglich auch des Begehrens und der Bewegung. In der hinduistischen Be-
griffswelt (Sämk-hya) ist männlich der unerschütterliche Geist – purusha – und weiblich
ist die prakrti, der tätige Mutterschoß jeder bedingten Form. Die fernöstliche Tradition
drückte im kosmischen Gegensatz des yang und des yin gleiche Vorstellungen aus, wo-
nach yang, das männliche Prinzip, mit der «Tugend des Himmels» assoziiert wurde und
yin, das weibliche Prinzip, mit der «Tugend der Erde».1

Für sich betrachtet stehen die beiden Prinzipien im Gegensatz zueinander. Aber im Be-
reich jener schöpferischen Gestaltung, die wir schon wiederholt als die Seele der traditio-
nalen Welt bezeichnet haben und die wir auch in ihrer geschichtlichen Entwicklung im
Zusammenhang mit dem Kampf zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen sehen
werden, verwandeln sie sich in Elemente einer Synthese, wobei alle beide eine bestimm-
te, abgegrenzte Funktion einhalten. Hier ist nicht der Ort, um zu zeigen, daß sich hinter


1 Weitere metaphysische und mythische Hinweise finden sie in J.EVOLA, Metaphysik des Sexus
a.a.O. Besonders bei den Philosophen der Sing Dynastie findet sich die Lehre, daß der Himmel die
Männer «erzeugt» und die Erde die Frauen und daß deshalb die Frau dem Manne unterstellt sein
muß, wie die Erde dem Himmel unterstellt ist. (Vergl. PLATH, Religion der alten Chinesen, I, S.37)


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den verschiedenen Darstellungen des Mythos vom «(Sünden-)Fall» häufig der Gedanke
eines Aufgehens und Sich-Verlierens des männlichen Prinzips im weiblichen verbirgt, was
bis zum Übergehen der männlichen in die weibliche Seins-Weise führen kann. Jedenfalls,
wenn das geschieht, wenn das, was seiner Natur nach Prinzip für sich ist, sich den Kräf-
ten des «Begehrens» öffnet und dem Gesetz dessen unterliegt, was das eigene Prinzip
nicht in sich selbst trägt, kann man sehr wohl von einem Fall sprechen. Eben darauf, auf
die Ebene der menschlichen Realität, gründet sich die Haltung des Mißtrauens, wie sie
verschiedene Traditionen gegenüber der Frau zeigen, die oft als ein Prinzip der «Sünde»,
der Unreinheit und des Bösen, als eine Versuchung und eine Gefahr für den nach dem
Übernatürlichen Strebenden angesehen wird.

Dieser Richtung des «Sündenfalls» kann man jedoch eine andere Möglichkeit entgegen-
setzen, nämlich die der richtigen Beziehung. Sie ergibt sich, wenn das weibliche Prinzip,
dessen Natur es ist, sich auf etwas anderes zu beziehen, sich nicht nach etwas wiederum
Flüchtigem ausrichtet, sondern nach einer «männlichen» Festigkeit. Damit ist eine Gren-
ze gesetzt. Die «Festigkeit» überträgt sich tatsächlich so, daß sie jede weibliche Aus-
drucksform im Innersten verklärt. Damit haben wir eine Synthese im positiven Sinn. Es
ist also eine «Bekehrung» des Weiblichen notwendig, so daß es ganz für das gegensätzli-
che Prinzip da ist; und es ist vor allen Dingen notwendig, daß dieses männliche Prinzip
absolut und vollständig ein solches bleibt. Dann wird, in der metaphysischen Symbol-
sprache, das Weibliche zur «Braut», die auch die «Macht» ist, die schöpferische Werk-
Kraft, die das erste Prinzip der Bewegung und der Form vom unbeweglichen Männlichen
empfängt: ganz im Sinne der schon erwähnten Cakti-Lehre, die man anders ausgedrückt
auch in der Lehre des Aristoteles und im Neu-Platonismus wiederfindet. Und wir haben
auch schon auf die symbolischen, tantrisch-tibetanischen Darstellungen hingewiesen, die
in diesem Zusammenhang äußerst bedeutungsvoll sind und in denen das männliche
«zeptertragende» Prinzip unbeweglich, kalt und aus Licht geschaffen ist, währenddessen
die Cakti, die es umhüllt und zur Achse hat, aus beweglicher Flamme gebildet ist.2

Diese schon mehrfach aufgezeigten Bedeutungsinhalte bilden in dieser spezifischen Form
die traditionale Normen-Grundlage für die Geschlechter im konkreten Sinn. Diese Norm
ist dem Prinzip des Kastenwesens untergeordnet und führt damit zu den zwei Angelpunk-
ten des dharma und der bhakti oder fides zurück, d. h. zur Eigennatur und zur aktiven
Hingabe.

Wenn schon die Geburt kein Zufall ist, so wird es auch ganz besonders kein Zufall sein,
daß man im Körper eines Mannes oder einer Frau zu sich selbst erwacht. Auch hier wird
der körperliche Unterschied als Entsprechung eines geistigen Unterschiedes aufgefaßt;
man ist daher körperlich Mann oder Frau, nur weil man es transzendent schon ist, und
die Charakteristik durch das Geschlecht, weit davon entfernt, in bezug auf den Geist et-
was Unwesentliches zu sein, ist ein Zeichen, das auf einen anderen Weg und auf ein an-
deres dharma hinweist. Wir wissen, daß das Bestreben nach Ordnung und «Form» die
Grundlage jeder traditionalen Gesellschaft bildet, da das traditionale Gesetz nicht zum
Ununterschiedenen, zum Gleichen, zum Unbestimmten und zu dem hinführen will, bei
dem die verschiedenen Teile des Ganzen unterschiedslos und im einzelnen ähnlich wer-
den, sondern daß es will, daß diese Teile sie selbst bleiben und daß sie immer vollkom-
mener ihre eigene Natur zum Ausdruck bringen. So stellen, was speziell die Geschlechter
betrifft, Mann und Frau zwei Erscheinungsformen dar, und wer als Mann geboren wird,
muß sich als Mann erfüllen, und wer als Frau geboren wird, muß sich als Frau erfüllen, in
allem und für alles, und sie müssen jegliche Vermischung und Unterschiedslosigkeit
überwinden: Und auch in der übernatürlichen Ausrichtung müssen Mann und Frau ihren



2 In der erotischen Symbolik der oben erwähnten Traditionen wird derselbe Sinngehalt ausgedrückt
durch die Darstellung des göttlichen Paares im viparita-maithuna , d.h. in einer Umarmung, in der
das Männliche unbeweglich ist und die qakü die Bewegungen ausführt.


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eigenen Weg gehen, der nicht ausgetauscht werden kann, ohne daß beide in eine wider-
spruchsvolle und unorganische Seins-Weise verfallen.

Die Seins-Weise, die im besonderen dem Mann entspricht, haben wir schon besprochen;
und wir haben auch über die beiden Hauptformen der Annäherung an den Wert des
«Seins an sich» gesprochen: Aktion und Kontemplation, Tat und geistige Betrachtung:
Der Krieger (der Held) und der Asket sind demnach die zwei Grundtypen der reinen
Männlichkeit. In Symmetrie dazu gibt es ebenfalls zwei Grundtypen für die weibliche Na-
tur. Die Frau verwirklicht sich als solche und erhebt sich auf dasselbe Niveau, auf dem
der Mann als Krieger oder Asket steht, indem sie Geliebte ist oder Mutter: Zweiteilung
ein- und derselben idealen Gesamtheit, denn wie es ein aktives Heldentum gibt, so gibt
es auch ein passiv-negatives; wie es das Heldentum der absoluten Behauptung gibt, so
gibt es auch das Heldentum der absoluten Hingabe, und das eine kann so lichtvoll sein
wie das andere, und das eine kann so reich an Früchten im Hinblick auf Überwindung und
Befreiung sein wie das andere, wenn sie nur in Reinheit und im Sinne einer Opfergabe
gelebt werden. Eben diese Unterscheidung im Heldentum bestimmt den unterschiedlichen
Charakter des Weges zur Vollendung für Mann und Frau. Der Haltung des Kriegers und
des Asketen, wobei sich der eine durch die reine Tat, der andere durch die reine Loslö-
sung in einem Leben, das jenseits des Lebens steht, behauptet, entspricht in der Frau
das Sich-ganz-einem-anderen-Wesen-Hingeben, das Ganz-für-ein-anderes-Wesen-
Dasein, sei es der geliebte Mann (Typus der Geliebten – aphroditischen Frau) oder der
Sohn (Typus der Mutter – demetrische Frau), wobei sie allein darin den Sinn ihres eigent-
lichen Lebens, ihre eigentliche Freude, ihre eigentliche Rechtfertigung findet: Das ist die
bhakti oder fides, die für die traditionale Frau der normale und natürliche Weg zur Teil-
haftigkeit am Seins-Bereich der «Form» war oder, wenn sie absolut und überindividuell
gelebt wurden, auch jenseits der «Form». Sich in immer entschiedenerer Weise nach
diesen zwei getrennten und unverwechselbaren Richtungen hin zu verwirklichen, zu be-
schränken, was in der Frau Mann und was im Mann Frau ist, und nach dem «absoluten
Mann» und nach der «absoluten Frau» zu streben, das ist je nach Lebensebene das tradi-
tionale Gesetz für die Geschlechter.

So konnte sich traditional die Frau nur mittelbar durch die Beziehung zu anderem – dem
Mann – Eintritt in den hierarchisch sakralen Bereich verschaffen. In Indien hatten die
Frauen auch höherer Kasten keine eigene Einweihung. Sie gehörten der sakralen Ge-
meinschaft der Adeligen – ärya – vor der Ehe nur durch ihren Vater an und nach der Ehe
durch ihren Gatten, der auch mystisches Familienoberhaupt war.3 Im dorischen Hellas
hatte die Frau ihr ganzes Leben lang keine Rechte; solange sie ledig war, war der Vater
ihr κύριος (Vormund).4 In Rom, in Übereinstimmung mit einer Geistigkeit ähnlicher Art,
war die Frau, weit davon entfernt, dem Mann «gleich» zu sein, juristisch einer Tochter
ihres Ehemannes – filiae loco – und einer Schwester ihrer eigenen Söhne – sororis loco –
gleichgestellt; als Mädchen war sie unter der potestas (Gewalt) des Vaters, als Führer
und Priester seiner gens ; als Ehefrau war sie in der gewöhnlichen Ehe einem rauhen Aus-
druck gemäß in manum viri (in der Hand des Mannes). Diese traditionale Festlegung der


3 Vergl. SENART, Les castes dans l'lnde , a.a.O.S.68; Mänavadharmacästra , IX, 166; V, 148; vergl,
V. 155: «Es gibt keine Opferhandlung, keinen Kultus und keine Askese, die sich besonders auf die
Frau beziehen. Die Ehefrau liebe und ehre ihren Gatten, und sie wird im Himmel geehrt werden.»
Hier können wir leider nicht innehalten, den Sinn des weiblichen Priestertums besprechen und er-
klären, warum es den eben ausgesprochenen Gedankengängen nicht widerspricht: Dieses Priester-
tum hatte traditional immer lunaren Charakter; statt eines anderen Weges drückte es durch die
absolute Ausschaltung jedes persönlichen Prinzips eine Verstärkung des weiblichen dharmas aus
und gab so der Stimme des Orakels und des Gottes freien Raum. Weiter unten werden wir dann
von der Veränderung sprechen, die in niedergehenden Kulturen aufkam und in denen das lunar-
weibliche Element den hierarchischen Gipfel in Beschlag nahm. Daneben muß noch die sakrale-
initiatische Verbindung der Frau im «Wege des Sexus» in Betracht gezogen werden. (Darüber
vergl. EVOLA, Metaphysik des Sexus, a.a.O.)
4 Vergl. Handbuch der klass. Altertumswissenschaft., Bd. IV, S. 17.


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Abhängigkeit der Frau finden wir auch anderswo5, und sie Bedeutet keinesfalls Ungerech-
tigkeit und Präpotenz, wie die modernen «Freigeister» glauben möchten, sondern sollte
die Grenzen und den natürlichen Ort des einzigen spirituellen Weges aufzeigen, der der
reinen weiblichen Natur gemäß ist.

Hier können wir auch auf andere antike Ansichten hinweisen, in denen deutlich der reine
Typus der traditionalen Frau zum Ausdruck kommt, die einer Aufopferung fähig war, die
an der Grenze steht zwischen dem, was menschlich ist, und dem, was übermenschlich
ist. Zuerst möchten wir die aztekische Überlieferung erwähnen, nach der am Vorrecht der
himmlischen Unsterblichkeit, die dem Kriegsadel vorbehalten war, auch die Mütter teil-
hatten, die während der Niederkunft starben6, denn man erblickte darin ein Opfer, das
ähnlich war dem, das der auf dem Schlachtfeld Gefallene brachte. Dann können wir den
Typus der Hindufrau aufzeigen, die Frau bis ins Innerste war, hin zu den äußersten Mög-
lichkeiten der Sinnlichkeit, und doch in einer unsichtbaren und gelobten fides lebte, dank
der die opferhafte Hingabe, die sich schon in der erotischen Hingabe des Körpers, dann
der Person und des Willens zeigte, in der anderen, ganz anderen und weit über den Sin-
nen gelegenen Hingabe gipfelte, die darin bestand, daß die Ehefrau ihr Leben in die
Flammen des indo-arischen Grabesscheiterhaufens warf, um dem Mann, dem sie sich
gegeben hatte, ins Jenseits zu folgen. Dieses traditionale Opfer, reine «Barbarei» in den
Augen der Europäer und der Europäisierten, bei dem sich die Witwe gemeinsam mit dem
Körper des toten Gemahls verbrannte, wird im Sanskrit sati genannt, gebildet aus der
Wurzel as und dem Thema sat – sein –, woher auch satya – das Wahre – kommt und das
auch noch Gabe, Treue, Liebe heißt.7 Dieses Opfer wurde als der höchste Gipfelpunkt in
der Beziehung zweier Wesen verschiedenen Geschlechts angesehen, einer Beziehung im
absoluten Sinn, d. h. im Sinn der Wahrheit und der Übermenschlichkeit. Hier wird der
Mann zur Stütze einer befreienden bhakti erhoben, und Liebe schafft sich einen Weg und
ein Tor. Die traditionale Lehre besagte nämlich, daß die Frau, die ihrem Gatten in den
Tod folgte, den «Himmel» erlangte; sie verwandelte sich in das innerste Wesen ihres
Gatten8: Sie hatte teil an jener Umwandlung des fleischlichen Körpers in einen göttlichen
Lichtkörper durch das «Feuer», was in den indo-arischen Kulturen durch die Leichen-
verbrennung symbolisiert wurde.9 Analog dazu gab es häufig auch den Freitod der ger-
manischen Frau, wenn der Gatte oder Geliebte im Krieg fiel.

Als Wesen der bhakti im allgemeinen haben wir schon das Fehlen des Eigeninteresses für
den Gegenstand oder den Stoff der auszuführenden Tat aufgezeigt, d.h. die reine Hand-
lung, die reine Neigung. Das kann uns verstehen lehren, wie in einer traditionalen Kultur,
wie jener der Hindus, das rituelle Opfer der Witwe – sati – zu einer dauernden Einrich-


5 So auch im antiken China, wo man im Niu-kie-tsi-pien (V) lesen kann: «Wenn eine Frau aus dem
Hause des Vaters in das Haus des Ehemannes zieht, verliert sie alles, sogar ihren Namen. Sie hat
nichts mehr eigenes: Was sie trägt, was sie ist, ihre Person, alles gehört demjenigen, der ihr als
Ehemann gegeben ist», und im Niu-hien-shu wird betont, daß eine Frau im Hause «wie ein Schat-
ten und ein einfaches Echo» sein muß. (zitiert bei S.TROVATELLI, Le civilta e le legislazioni dell'
antico Oriente , Bologna, 1890, S. 157-158)
6 6 Vergl. REVILLE, Relig. du Mexique etc, a.a.O., S. 190.
7 Vergl. G. D E LORENZO, Oriente ed Occidente, Bari, 1931, S.72. Analoge Bräuche finden sich
auch bei anderen indo-europäischen Stämmen: bei den Thrakern, Griechen, Skythen und Slawen
(Vergl. C. CLEMEN, Religionsgeschichte Europas, Heidelberg, 1926, Bd. I, S. 218). In der Inkakul-
tur war der Selbstmord der Witwe, um dem Gatten zu folgen, zwar nicht durch Gesetz festgelegt,
aber doch üblich, und diejenigen Frauen, die nicht den Mut aufbrachten, ihn zu vollziehen, oder die
glaubten, Gründe dafür zu haben, darauf verzichten zu können, fielen der Verachtung anheim.
(Vergl. REVILLE, a.a.O., S. 374)
8 Vergl. Mänavadhannacästra , IX, 29: «Die Frau, die ihren Gatten nicht verrät und deren Gedan-
ken, Worte und Körper rein sind, erlangt nach dem Tode den gleichen Aufenthaltsort wie ihr Gat-
te.»
9 Vergl. Brhadäranyaka-upan ., VI, ii, 14; PROKLOS, in Tim ., V, 331b; II, 65b.


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tung erhoben werden konnte. Wenn sich eine Frau nur wegen eines sehr starken gegen-
seitigen Bandes menschlicher Leidenschaft mit einem anderen Wesen hingibt und opfert,
bleiben wir noch im Rahmen einfacher, privater Gefühle. Nur eine Hingabe, die sich ohne
jede Stütze aufrechterhält und entfalten kann, hat Anteil an einem transzendenten Wert.

Im Islam fanden ähnliche Bedeutungsinhalte ihren Ausdruck in der Einrichtung des Ha-
rem. Im christlichen Europa ist der Gedanke an Gott notwendig, damit eine Frau auf das
äußere Leben verzichtet und sich in Klausur begibt. Aber auch dabei handelt es sich im-
mer nur um Ausnahmefälle. Im Islam genügte dazu schon ein Mann, und die Klausur des
Harems war eine natürliche Sache, die keine edelgeborene Frau in Zweifel zog; sie wollte
darauf auch gar nicht verzichten: Es erschein als natürlich, daß eine Frau ihr gesamtes
Leben auf einen Mann konzentrierte, den sie in einer so weiten und überindividuellen Art
und Weise liebte, daß sie zugestand, daß auch andere Frauen am selben Gefühl teilhatten
und durch dasselbe Band und dieselbe Hingabe mit diesem Mann vereint waren. Gerade
darin kommt der Charakter der «Reinheit» zum Vorschein, den wir für den besprochenen
Weg als Wesentliches bezeichnet haben. Die Liebe, die Bedingungen stellt und wiederum
Gegenliebe und Hingabe seitens des Mannes verlangt, gehört einem niedrigen Bereich zu.
Andererseits könnte ein Mann, der rein Mann ist, zu einer Liebe in diesem Sinn nur dann
fähig sein, wenn er sich verweiblichte. Damit würde er aber von jener inneren Fülle und
dem Sich-Selbst-Genügen abfallen, durch die die Frau in ihm eine Stütze findet und die
ihre Begeisterung, sich hinzugeben, überhaupt ausmachen. Im Mythos läßt Civa als der
große Asket der Höhen mit einem einzigen Blick Käma, den Gott der Liebe, zu Asche zer-
fallen, als dieser versucht, in ihm Leidenschaft für die Braut Parvati zu erwecken. Glei-
chermaßen steckt eine tiefe Bedeutung in der Legende des Kalki-avatara, in der von ei-
ner Frau berichtet wird, die niemandem gehören konnte, weil alle Männer, die sie be-
gehrten und die ihr verfallen waren, dadurch augenblicklich in Frauen verwandelt wur-
den. In einer Frau ist wahrlich dann Größe, wenn sie gibt, ohne zu fordern, wenn in ihr
eine Flamme brennt, die sich aus sich selbst nährt, wenn ihre Liebe um so größer wird, je
weniger sich der Zielpunkt dieser Liebe bindet und nicht herabsteigt, ja sogar Distanzen
schafft; je mehr er Herr ist als nur einfach Bräutigam oder Geliebter. Im Geist des Harem
ist viel davon enthalten: Die Überwindung der Eifersucht, also des leidenschaftlichen
Egoismus, des Besitzgedankens der Frau, von der man aber doch vom Mädchenalter bis
zum Tod klösterliche Abgeschiedenheit und Treue einem Mann gegenüber verlangt, der
andere Frauen um sich haben und sie alle besitzen kann, ohne sich einer zu «geben».
Genau in dieser «Unmenschlichkeit» zeigt sich etwas Asketisches, wir können beinahe
sagen: etwas Heiliges.10 In diesem scheinbaren «zu einer Sache werden» brennt ein
wahrer Besitz, eine Überwindung und auch eine Befreiung: Denn angesichts einer solchen
unbedingten fides ist der Mann in seinem menschlichen Aspekt nur noch ein Mittel, und
es eröffnen sich Möglichkeiten in einem Bereich, der nicht mehr irdisch ist. Wie die Regel
des Harems der Klosterregel folgte, so führte auch sie das islamische Gesetz für die
Frauen je nach den Möglichkeiten ihrer Natur auf dieselbe Ebene der mönchischen Aske-
se11, wobei aber das sinnliche Leben für die Frauen nicht ausgeschlossen, sondern mit-



10 Im Mänavadharmagästra wird nicht nur vorgeschrieben, daß die Frau nie eine eigene Initiative
entwickeln darf und daß sie, je nach ihren Umständen, Sache ihres Vaters, ihres Gatten oder ihres
Sohnes sein solle, (V, 147-148; IX, 3) sondern es wird auch gesagt (V, 154): «Auch wenn das
Betragen des Gatten nicht rechtmäßig ist, auch wenn er sich anderen Leidenschaften hingibt und
ohne alle guten Eigenschaften ist, muß ihn doch die Frau wie einen Gott verehren.»


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11 Die sakrale Hingabe des Körpers und sogar der Jungfräulichkeit findet sich in strenger Form in
einem Geschehen festgehalten, das die moderne Welt ebenfalls als Skandal ansieht: in der heiligen
Prostitution, wie sie in antiken syrischen, lykischen, lydischen und in den thebanischen Tempeln
Ägyptens usw. betrieben wurde. Die Frau durfte sich das erste Mal nicht aus Leidenschaft für einen
bestimmten Mann hingeben, sondern sie mußte dem ersten Mann zu Willen sein, der ihr im heiligen
Bezirk eine Münze, gleich welchen Wertes, anbot. Das geschah im Sinne eines heiligen Opfers,
einer Opfergabe an die Göttin. Nur nach dieser rituellen Opfergabe ihres Körpers konnte sich die
Frau verheiraten. HERODOT (I, 199) berichtet bezeichnenderweise, daß, «ist sie einmal nach Hause
zurückgekehrt, man ihr (dem Mädchen, das Frau geworden ist) auch die größte Summe Geldes

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einbezogen, ja sogar in höchstem Maße genossen wurde. Übrigens ist in einem geringe-
ren Ausmaß eine solche Haltung der Frau als natürliche Voraussetzung bei den Kulturen
zu sehen, wo die Einrichtung des Konkubinats einen auf ihre Art rechtmäßigen Charakter
aufwies und gesetzlich als eine Ergänzung zur Einehe anerkannt war: so in Griechenland,
Rom und anderswo. Der sexuelle Exklusivismus war dort ebenfalls überwunden.

Natürlich ziehen wir hier nicht in Betracht, was vielleicht tatsächlich im einen oder ande-
ren Fall im Harem oder in anderen derartigen Einrichtungen geschehen ist. Wir haben das
vor Augen, was ihnen in der reinen, traditionalen Vorstellung entsprach, und damit auch
die höhere Erfahrungs-Möglichkeit, die sie grundsätzlich immer bieten konnten. Es ist die
Aufgabe der Tradition, das möchten wir wiederholen, ein festes Flußbett zu graben, damit
die chaotischen Lebensströme in die richtige Richtung fließen. Frei sind nur diejenigen,
die, wenn sie diese traditionale Richtung einschlagen, sie nicht als Zwang empfinden,
sondern sich darin frei entwickeln und sich darin wiedererkennen, so daß sie gleichsam
aus einem inneren Antrieb heraus die höchste «traditionale» Seins-Möglichkeit ihrer Ei-
gen-Natur verwirklichen. Aber auch die anderen, die nur materiell den Institutionen fol-
gen und ihnen gehorchen, ohne sie zu verstehen und ohne sie zu leben, werden gestützt:
Wenn auch ohne Licht, trägt sie ihr Gehorsam doch virtuell über ihre individuelle Be-
schränkung hinaus und führt sie in dieselbe Richtung wie die ersten. Wer aber weder
dem Geist noch der Form nach dem traditionalen Flußbett folgt, für den gibt es nur das
Chaos. Er ist verloren und gefallen.

Das trifft auf die moderne Menschheit auch hinsichtlich der Frau zu. Es war in der Tat
nicht möglich, daß eine Welt, die die Kasten «überwunden» hatte und, wenn wir uns im
Jakobinerjargon ausdrücken wollen, jedem menschlichen Wesen seine «Würde» und sei-
ne «Rechte» zurückerstattet hatte, das richtige Verhältnis zwischen den Geschlechtern
hätte bewahren können. Die Emanzipation der Frau mußte schicksalshaft auf jene des
Sklaven und auf die Glorifizierung des Klassenlosen und Traditionslosen, also des Parias,
folgen. In einer Gesellschaft, die weder den Asketen noch den Krieger mehr begreift; in
einer Gesellschaft, in der die Hände der letzten Aristokraten weniger für Schwerter oder
das Zepter als vielmehr für Tennisschläger und Cocktailshaker gemacht zu sein scheinen;
in einer Gesellschaft, in der der Typus des echten Mannes, von der blassen Larve des
«Intellektuellen» oder «Professors», der narzistischen Hampelmannsgestalt des «Künst-
lers», der geschäftigen und schmutzigen Maschinerie des Bankiers und Politikers oder
höchstens vom Boxer und vom Filmstar repräsentiert wird; in einer solchen Gesellschaft
war es nur natürlich, daß auch die Frau sich erhob und auch für sich eine «Persönlich-
keit» und eine Freiheit forderte, ganz im anarchischen und individualistischen Sinn der
Letztzeit. Und während die traditionale Ethik vom Mann und von der Frau verlangte, im-
mer mehr sie selbst zu sein, in immer deutlicheren Zügen das auszudrücken, was aus
dem einen einen Mann, aus der anderen eine Frau machte, verfiel die neue Kultur auf die
Gleichschaltung, auf das Formlose, auf einen Zustand, der wirklich nicht jenseits, son-
dern diesseits der Persönlichkeitswerdung und Unterscheidung der Geschlechter liegt.

Und was eigentlich eine Abdankung war, ist mit einem Sieg verwechselt worden. Nach
Jahrhunderten der «Sklaverei» hat die Frau endlich frei und für sich selbst sein wollen.
Aber der sogenannte «Feminismus» hat für die Frau keine andere Persönlichkeit zu er-
sinnen vermocht als die Imitation der männlichen, so daß die feministischen «Forderun-
gen» ein fundamentales Mißtrauen der neuen Frau gegenüber sich selbst und ihre Unfä-
higkeit aufzeigen, zu sein und zu gelten als das, was sie ist: als Frau und nicht als Mann.
Wegen dieses Unverständnisses hat die moderne Frau eine durch und durch eingebildete
Minderwertigkeit dabei verspürt, nur Frau zu sein, und hat es beinahe als Beleidigung
empfunden, «nur als Frau» behandelt zu werden. Hier liegt der Ursprung des verfehlten
Strebens: Eben deswegen hat die Frau rachenehmend ihre «Würde» zurückfordern, ihren



anbieten kann, man aber nichts mehr bei ihr erreichen wird», was schon allein für sich aussagt,
daß dabei «Ausschweifung» und «Prostitution» keine Rolle spielten.


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«Wert» beweisen wollen und hat begonnen, sich mit dem Mann zu messen. Aber dabei
handelt es sich absolut nicht mehr um den echten Mann, sondern um den Retorten-
Mann, den Hampel-Mann einer standardisierten, rationalisierten Gesellschaft, die prak-
tisch nichts mehr an wahrer Unterscheidung und Qualität in sich birgt. In einer solchen
Gesellschaft kann natürlich von einem legitimen Vorrecht der Männer nicht mehr die Re-
de sein, und die Frauen, unfähig, ihre natürliche Berufung zu erkennen und zu verteidi-
gen, und sei es auch nur auf der niedersten Ebene (denn keine sexuell glückliche Frau
fühlt jemals das Bedürfnis, den Mann nachzuäffen und zu beneiden), konnten leicht be-
weisen, daß auch sie von der Möglichkeit her die geistigen und körperlichen Fähigkeiten
besaßen, die im anderen Geschlecht vorhanden waren und die im allgemeinen in der mo-
dernen Gesellschaft verlangt und geschätzt werden. Der Mann hat übrigens dabei in aller
Unverantwortlichkeit zugesehen, ja im Gegenteil, er hat mitgeholfen, er selbst hat die
Frauen auf die Straße, in die Ämter, in die Schulen, in die Fabriken und in alle niedrigen
Ansteckungsherde der modernen Gesellschaft und Kultur gestoßen. Damit war der letzte
Anstoß zur Nivellierung gegeben.

Und dort, wo die geistige Kastrierung des modernen, materialisierten Mannes nicht still-
schweigend, wie in den antiken, weiblich beherrschten Gemeinschaften, zur Vorherr-
schaft der sich teuer verkaufenden Frau geführt hat, die als Richterin über sinnlich ab-
hängige und für sie arbeitende Männer fungiert, ist das Ergebnis der Niedergang der
weiblichen Eigenart bis zu den körperlichen Merkmalen hin gewesen, wozu noch die
Rückbildung ihrer natürlichen Seins-Möglichkeiten und das Ersticken ihrer spezifischen
Innerlichkeit kommen. Daraus entsteht der Typ garqonne , das jungenhafte Mädchen,
leer, eitel, unfähig zu jeder über sie hinausführenden Begeisterung, und schließlich nicht
einmal zur Sinnlichkeit und Sündhaftigkeit fähig: Denn bei der modernen Frau erwecken
oft sogar die Möglichkeiten der physischen Liebe weniger Interesse als der narzistische
Kult des eigenen Körpers, das Sich-mit- oder so-wenig-Kleidern-wie-nur-möglich-Zeigen,
die Gymnastik, der Tanz, der Sport, das Geld usw. Europa wußte schon an und für sich
wenig von der Reinheit der Hingabe, der Treue, die alles gibt und nichts verlangt, und der
Liebe, die stark genug ist, keine Ausschließlichkeit zu benötigen. Abgesehen von einer
rein konformistischen und bourgeoisen Treue hat sich Europa eine Art von Liebe auser-
wählt, die nicht duldet, daß der Geliebte nicht ebenfalls liebt. Wenn nun eine Frau, um
sich ausschließlich einem Mann hinzugeben, von ihm verlangt, daß er ihr mit Leib und
Seele gehört, hat sie ihre Hingabe nicht nur «vermenschlicht» und ärmlicher gemacht,
sondern sie hat vor allen Dingen begonnen, den reinen inneren Kern ihres Wesens zu
verraten, um auch hier eine der männlichen Natur eigene Seinsweise zur Leihe zu neh-
men, und zwar eine Seinsweise, die zu den niedersten gehört: den Besitzanspruch, das
Recht auf den anderen und den Stolz des Ichs. Darauf folgte der Rest und wie bei jedem
Fall, nach dem Gesetz der zunehmenden Geschwindigkeit, immer rascher. Später, durch
den immer größer werdenden Egozentrismus waren es nicht einmal die Männer mehr, die
sie interessierten, sondern nur das, was sie ihnen für ihr Vergnügen und ihre Eitelkeit
bieten konnten. Zum Schluß kommen dann Formen geschlechtlicher Korruption, die von
ebenso großer Oberflächlichkeit begleitet sind, oder ein praktisch-äußerliches Leben in
der Art des Mannes, das die Frau ihrer Natur beraubt und sie in denselben Graben der
Arbeit, des Verdienens, der übersteigerten praktischen Aktivität und sogar der Politik wie
die Männer hineinwirft.

Das sind die Ergebnisse der abendländischen «Emanzipation», die jetzt dabei ist, die ge-
samte Welt mit einer Geschwindigkeit anzustecken, die jede Pest übertrifft. Die traditio-
nale Frau, die absolute Frau, fand Erfüllung in der Hingabe, im Leben nicht für sich
selbst, sondern indem sie in Einfachheit und Reinheit alles für ein anderes Wesen sein
wollte . Dadurch erfüllte sie sich, gehörte sich selbst, hatte ihren eigenen Heroismus und
stand im Grund sogar höher als der gewöhnliche Mann. Die moderne Frau hat sich zer-
stört, indem sie für sich sein wollte. Die ersehnte «Persönlichkeit» hat ihr jede Persön-
lichkeit geraubt.


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